Fuck, Fuck. Fuck, die Sonne scheint!
Ich hatte mich gestern für eine Trekking Tour entschieden. Bei den klassischen Touren wird man von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gefahren, aber ich wollte den Nationalpark sinnlich erleben. Eine Sinneserfahrung wird sein, dass ich in der gleißenden Mittagssonne Brasiliens fünf Stunden auf einer Hochebene durch den Matsch waten werde.
Pünktlich um 8:30 Uhr holt mich Pedro, mein Premium Guide, ab. Ist das eigentlich eine Voraussetzung um in der Tourismusbranche zu arbeiten, dass man als Mann Pedro heißen muss? Um es den Touristinnen leichter zu machen?
Das Ziel liegt im westlichen Teil der Chapada Diamantina und wir müssen über 2 Stunden zu dem Ausgangsort fahren. Erst geht’s über die Landstraße. Unzählige Laster in Überlänge, Stoßstange an Stoßstange vor uns, die sich die hügelige Straße mit den vielen Schlaglöchern den Berg hoch quälen. Überholmanöver erfordern Geschicklichkeit, wobei Pedro, der beim Autofahren wie auf Koks wirkt (auch wenn ich mir 100% sicher bin, dass dem nicht so ist) manchmal Geschicklichkeit mit Waghalsigkeit verwechselt. Auch Geschwindigkeitsbegrenzungen sind für ihn nur ein Vorschlag, da wird schon einmal 120 km/h gerast, während die Verwaltung meint, höchstens 80 km/h wären maximal angebracht.
Auf dem Rückweg wird er mir gestehen, dass er selbst gar kein Auto besitzt und nur drei Jahre in seinem Leben ein eigenes hatte. Wahrscheinlich genießt er es, wann immer er als Guide ein Fahrzeug in die Hände kriegt.


In Guinè wird gestoppt, denn Pedro braucht einen Sonnenhut. Seiner ist bei der letzten Tour verloren gegangen. „Guinè it’s like Lençóis without tourists“ bemerkt er an. Der samstägliche Markt bringt Pedro, der immer unter Strom zu stehen scheint, zum Fluchen. Das Dörfchen ist wirklich nicht für Autos gemacht so dicht stehen sich die Häuser gegenüber. Während bei uns ein Einbahnstraßensystem die Lösung der Wahl wäre, schieben sich hier die Autos in einem Zickzack System gegenläufig aneinander vorbei, ohne, für mich ein Wunder, dem anderen oder sich selbst eine Beule zuzufügen.
Auf dem Marktplatz findet sich kein Parkplatz. Pedro ist so dreist und zwängt den Wagen zwischen zwei Marktstände. „Just for Five minutes“. Die Einwohner nehmen es gelassen und wie eine Ameisenstraße ein Hindernis umrundet, schlängeln sie sich um den Wagen herum. Nur der Bananenverkäufer schaut ein wenig grimmig. Aber Pedro hat Pech. Zwei Polizisten sind in der Nähe und sie schreiten ein. Ein Strafzettel nicht ausgestellt, im Gegenteil, der Polizist hilft Pedro freundlich beim Rückwärts rausfahren. Ich bin beeindruckt, wie gelassen alle Leute auf diese Situation reagieren.
In einem Laden findet Pedro einen Hut mit Nackenschutz. Ich entschließe mich spontan ihm gleich zu tun. Mein hübscher Strohhut erscheint mir für die pralle Hitze nur bedingt geeignet. Der Nackenschutz ist eine gute Idee und wird sich bewähren.






Die zweite Stunde der Fahrt ist Offroad auf einer Schotterpiste, bei denen sich die Schlaglöcher der Landstraße im naherein mir nur noch wie kleine Dellen vorkommen. Ich fühle mich wie in einem Milchshaker. Nach einer halben Stunde tauchen überraschend zersiedelte Häuser, dann hintereinander zwei kleine Dörfer auf. In the middle of nowhere! Ich finde es erstaunlich, dass hier Menschen leben, weil diese Orte sind nur über die scheußliche Schotterstraße an die Welt angebunden. Es gibt Läden, Kneipen und zwei Schulen. Pedro erklärt mir, diese Dörfer entstanden nach dem Ende der Sklaverei. Es gab viele Afrosklaven an der Küste der Bahai und nach dem Ende der Sklaverei 1888 zogen sie ins Landesinnere. Die kleinen Siedlungen stammen aus dieser Zeit und haben sich bis heute gehalten. Zwar gibt es viele Autos, aber die meisten Wege werden mit Motorrädern und Pferden erledigt.
Wir machen noch einmal einen Stop und trinken einen Kaffee.





Eine Viertelstunde später biegen wir in einen Weg ein, der uns an den Rand der Chapada Diamantina bringt. Wir kommen an eine kleine Station und von da aus geht es los. Es ist gleich „High noon“ und 200 Höhenmeter erwarten mich in der ersten Etappe. Weit und breit kein Schatten. Nada. Erst als wir fast oben sind, spendet uns ein Felsvorsprung eine schattige Gelegenheit für Pause und für den Blick zurück auf die Station, von der wir los marschiert sind.




Endlich erreichen wir die Hochebene. Die Vegetation ist flach und die Regengüsse der letzten Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Der in der Tourbeschreibung so romantisch klingende Viehtreiberpfad, entpuppt sich als ein einziger Schlammweg. Wie ein Entenküken, das hinter seiner Entenmutter hinterher läuft, watschele ich hinter Pedro her, der ein anspruchsvolles Tempo vorgibt. Wir überqueren kleine Bäche, doch ansonsten gibt es optisch nicht sehr viel Abwechslung.
Dann ein lautes Rauschen. Nach einer guten Stunde haben wir den Fluss „Rio Petro“ erreicht, den es zu überqueren gilt. Pedro schlägt vor, uns vor der Überquerung noch eine Rast zu gönnen und ich nutze die Gelegenheit um mich abzukühlen. Vorsichtig lasse ich mich in das irritierend braune Gewässer gleiten und es fühlt sich an wie der Sprung in den Eisbach im Englischen Garten. Die Strömung ist immens, der Fluss wunderbar kühl, und ich muss gegen den Strom schwimmen.







Pedro drängt zum Aufbruch, es liegt noch eine halbe Stunde Weg vor uns. Aber erst einmal gilt es den Fluss zu überqueren, was sich als Balanceakt auf Stein entpuppt. Mein Handy habe ich sicherheitshalber in einen wasserfesten Beutel getan, den ich klugerweise aus Neuköthen mitgebracht habe.
Auf dem Rückweg bitte ich Pedro, diese Überquerung mit meinen iPhone festzuhalten. Ungelogen, mein Traum wird wahr! Schon in den Neunzigern packte mich das große Fernweh, wenn ich in Katalogen der bekannten Outdoorfashion Marken Fotos sah, auf denen, meist ein glücklich aussehendes Pärchen mit den Backpacks der entsprechenden Marke auf dem Rücken, durch einen Fluss wateten. Für mich der Inbegriff der Wildnis!
(Den Rucksack habe ich bestimmt gekauft, aber meine wenigen Reisen waren so harmlos, dass es auch ein Rollkoffer getan hätte.)





Nach einer halben Stunde haben wir unser Ziel erreicht — der Blick ins Patital.
Es haut mich um. Das Erlebnis lässt sich nicht annähernd durch die Bilder dokumentieren. Wir können eine halbe Stunde hier verweilen. Pedro zieht sich dankenswerter Weise zurück, so dass ich alleine bin und diesen Blick in die unglaublich schönen und gewaltigen Tafelberge in mir speichern kann.




Dann geht es den ganzen Weg wieder zurück und nach etwas über 2 Stunden sind wir wieder an der Station angelangt. Ich bin erschöpft, aber total glücklich.


Auf der Rückfahrt stoppen wir in dem kleinen Ort, in dem ich mir ein kaltes Bier kaufe. Ich frage Pedro ob er eine Musik auflegen kann. Er murmelt “I’m not sure if you will like it. I have very specific music taste.” Ich antworte “Well, give it a try”
Und anstatt populärer brasilianische Musik ertönt guter Techno durch die Lautsprecher. Das wäre auch Stephans Geschmack gewesen, da bin ich mir sicher. Das sage ich Pedro und nun taut er auf. Wir plaudern über Berlin, über Clubs, über die Möglichkeiten Techno in Brasilien hören zu können. Und während wir im Abendrot die Schotterpiste zurück rattern, trinke ich mein Bier, höre „Stephans Musik“, lasse meine Gedanken schweifen und meine Reise durch Brasilien kommt mir sehr Surreal vor.
