„Tem certeza de que quer descer aqui?“ fragt der Taxifahrer und hält mir sein Handy hin. „Bist du sicher, dass du hier aussteigen willst?“ lese ich auf dem Display. Wir beide wenden wieder den Kopf zu dem leicht verfallenen Industriegebäude, zum Fuße einer Favela. Nichts wirkt aufgeräumt in dieser Gegend. Aus dem Fenster des Taxis registriere ich ein Schrottauto, dahinter ein weiterer Wagen dem die Reifen fehlen. Ich zögere. Habe ich mich mit der Adresse vertan, oder ist es ein Abschlusstest von Pola über meine Brasilien Tauglichkeit?

Rio hat mich wieder. Gestern Abend bin ich gelandet. Nach einem ruhigen Flug mit Zwischenlandung, bei der ich mir schnell in einem Shop gleich neben dem Gate eine lange Hose hatte kaufen müssen. Sonst wäre ich als gefrorenes Hühnchen eingetroffen.

Bei meiner zweiten Ankunft am Flughafen GIG bin ich tiefenentspannt. Völlig routiniert suche ich mir einen Rolli, warte lässig am Gepäckband bis der Rucksack auftaucht, werfe ihn mit einem Schwung auf den Gepäckwagen und lasse wieder die Taxifahrer, die in der Empfangshalle auf mich einprasseln, links liegen. Ich kenne mein Ziel – der Uber Stand. Dort wird man aufgepickt wenn man ein Wagen bestellt. Während ich laufe und den Rolli schiebe, ordere ich schon eine Uber Fahrt zu Pola. Ich bin eine coole Socke!
Es ist es ist halb acht, als ich bei ihr eintreffe. Ich bin erschöpft. Nicht vom Flug, sondern von meiner Reise durch Brasilien. Mein Kopf ist voll! Voll mit Eindrücken und Bildern. Mein Bedarf an neuem Input durch weitere Erkundungen in Rio ist nicht sehr hoch.



Doch am nächsten Morgen, nach dem Frühstück in einem hippen Café, das überall in der Welt sein könnte, entscheide ich mich um. Pola drängt mich, das Museau de Amanhã nicht zu verpassen, dass 2016 eröffnet wurde. In der Ausstellung geht es um den Kosmos, die Menschheit und ihrer Zukunft, das Klima und das gesellschaftliches Miteinander.



Und dann packt sie mich wieder, diese Stadt. Die Architektur dieses Gebäudes ist wild, sie ist ein Wahrzeichen der Stadt. Von außen betrachtet kommt mir das Gebäude vor wie ein UFO das verkehrt gelandet ist. Es spricht mich nicht an.
Von innen hingegen zieht mich es völlig in den Bann. Die Installationen zum Thema Kosmos sind wunderbar sinnlich.










Danach schlendere ich am Hafen herum, betrachte die ehemalige No Go Area, die dabei gerade ist ihr Gesicht zu verwandeln.



Ich schnappe mir ein Taxi und lasse mich zu dem Ziel fahren, das Pola mir markiert hat. Und so stehen wir hier nun. In dieser Gegend die ein bisschen verkommen wirkt. Die Adresse wird schon stimmen — Fábrica Bhering.
Ich antworte „Sim, sim, ja, ja“ und der Taxifahrer entlässt mich nicht ohne Warnung: „Tenha cuidado, não é seguro andar por lá“ “Sei vorsichtig, die Gegend ist nicht sicher“ leuchtet mir von seinem Handy entgegen.
Als ich noch zögerlich die Einfahrt betrete, spricht mich ein Mann an und fragt, ob ich das Haus besichtigen möchte. „Sim Sim“ antworte ich, er weist mir den Weg.


Und so wie Pola versprochen hatte, eine Welt des künstlerischen Schaffens tut sich auf. Untergebracht in einer ehemaligen Schokoladenfabrik teilen sich viele Künstlerinnen und Künstler das Gebäude und öffnen ihre Ateliers. Man kann sie beim Arbeiten beobachten, oder ihre Kunst kaufen.
Auch wenn heute nicht alle Ateliers besetzt sind, ist dieser Besuch ein absolutes Highlight. Alte Industrie trifft junge Kunst. Das ist sicher nicht neu. Doch die Öffnung ihre Türen und die Möglichkeit mit den Kunstschaffenden zu sprechen faszinierten mich.
















Die Dachterrasse erlaubt mit einen Blick in die Favela.

Spontan entscheide ich mich für ein Objekt des Künstler Roberto Romeroarte, ein Blatt der Regenwald Pflanze Monstera Deliciosa. (Name auf Portugiesisch: Costela-de-adão wörtlich: „Adamsrippe”)
Wenn es in Berlin an der Wand hängt, werde ich mich immer an diese Brasilien Reise erinnern, die definitiv ihre Spuren bei mir hinterlassen wird.
