Tag 11 – auf dem Weg in die Chapada Diamantina

Ich bin nervös. Heute ist Reisetag. Es gibt mehrere gute Gründe, warum ich nervös sein darf.

Erstens, die Sache mit dem Transport. Ich habe ein Uber vorreserviert, der mich zur Fernbus Station nach Salvador bringen soll. Blöderweise habe ich ihn an eine falsche Stelle bestellt. Meine Posada kann man nicht direkt anfahren, die ist mit dem Auto nicht zu erreichen. Für Taxis und Co muss man sich im Ort verabreden. Nur – mein gewählter Ort liegt mitten in der Fußgängerzone. 😵‍💫

Kontaktieren kann ich den Fahrer nicht, denn der Ausfall des Internets betrifft den gesamten Umgebung. Doch Imbassaí ist klein, es gibt nur zwei Stellen die für Taxis Sinn machen. Rolf begleite mich freundlicherweise, aber Pedro, mein Uber Fahrer steht genau an der Stelle, wo mich der andere Fahrer vier Tage vorher rausgelassen hatte.

Der zweite Punkt, der mich nervös macht, seit Februar versucht ich ein Ticket für diesen Bus online zu bekommen. Es scheiterte aber an einer nicht vorhandenen brasilianischen Steuernummer, die man in dem Onlineformular immer eingeben muss. Es besteht also ein Risiko, dass der Bus ausgebucht ist, wenn ich vor Ort bin. Pedro chauffiert mich sicher durch den chaotischen Verkehr im Starkregen. Der Himmel schüttelt einen Stausee aus.

Zwei Stunden vor Abfahrt des Buses bin ich am Busbahnhof. Ich suche und finde den Schalter der Busgesellschaft der einzigen Linie, die 3 mal am Tag den Nationalpark anfährt. Es sind noch genau drei Plätze frei. Unerwarteter Weise auch der Platz, den ich seit Wochen buchen wollte.

Mein Wunschplatz Nummer vier ist an der Frontscheibe. Die Kategorie „Leito“ befinden sich in der ersten Etage. Unten, also auf der Höhe des Fahrers, sind die etwas exklusiven Plätze, man kann dort in privater Kabine reisen. Aber das wollte ich nicht. Ich will so fahren, wie ich es mit Stephan auch gemacht hätte, die Holzklasse. Jetzt habe ich den Platz der es mir erlaubt, vorne raus zu schauen. Yeah!

Es sind noch anderthalb Stunden bis zur Abfahrt und der dritte Grund, warum ich nervös war ist dann doch nicht so schlimm. Ich hatte Respekt vor dem Busbahnhof als solches, wo ich als nicht portugiesische Touristin mich als potentiell geeignetes Opfer sah. Aber der Busbahnhof ist neu, hell und freundlich und ich entspanne mich. Ich lasse mich treiben, habe aber die gebotene Vorsicht mit meiner Kamera. Was mich von meinen „Selbstauslöser“ Bildern nicht abhält, bei der ich das iPhone immer ein paar Meter von mir weg stelle. Ich suche nach Fotomotiven und erwische leider nur halb den Prediger, der vergebens versucht, unter den Wartenden ein paar Schäfchen zu gewinnen. Oder auch nur Aufmerksamkeit.

Mein Wunschplatz Nummer vier ist an der Frontscheibe. Die Kategorie „Leito“ befinden sich in der ersten Etage. Unten, also auf Höhe des Fahrers, sind die etwas exklusiven Plätze, man kann dort in privater Kabine reisen. Aber das wollte ich nicht. Ich will so fahren, wie ich es mit Stephan auch gemacht hätte, die normale Holzklasse. Jetzt habe ich den Platz der es mir erlaubt, vorne raus zu schauen.

Unerwartet taucht dann noch ein vierter Punkt auf, weswegen ich nervös sein könnte, der Mann neben mir. Den würde ich sofort für einem Film über ein brasilianisches Drogenkartell casten, er müsste einen „Traficante“ zu spielen. Vorsichtig begutachte ich die Narbe an seinem Knie, könnte das von einer Schusswunde herrühren? Anfänglich feilschen wir mit unseren Ellenbogen, wer der Herrscher oder die Herrscherin über die Armlehne ist. Ich gebe nach, wenn ich auch hin und wieder erfolgreich mein gleiches Recht auf ein Stück Armlehne geltend mache. In den acht Stunden gemeinsamer Fahrt wird kein Messer gezückt.

Die meisten Fahrgäste ruhen sich aus, starren auf das Handy (obwohl es kein WLAN in der „Leito“ Klasse gibt. In der „Leito individual“ schon) oder schlafen während der Fahrt. Ich hingegen kann in den ersten drei Stunden mein Blick von der Frontscheibe nicht abwenden. Zu faszinieren dieser erhabene Aussicht auf das Verkehrschaos nach unten. Später aber verstehe ich, dass der Platz vielleicht nicht ganz so begehrt war. Die Straße ist schlecht voller Schlaglöcher. Ich fühle mich wie auf einem Schiff bei mittlerem Seegang. Unser Fahrer kennt die Strecke gut, das merke ich an seinen Ausweichmanövern. Aber immer wieder kommt das Gefühl hoch, „dieses Schlagloch hat er übersehen. Zu spät, das schafft er nicht mehr, der Reifen wird einsinken und wir werden uns überschlagen und ich werde in dem Arm dieses Trafficante sterben müssen.“

In den letzten zwei Stunden unserer Anreise nach Lençóis, als sich bereits die schwarze Nacht über die Landstraße gelegt hat, wird dieser Gedanke abgelöst von dem Gedanken „Oh je, zwei Lichter auf 12:00 Uhr rasen auf uns zu. Dieses Überholmanöver geht schief.“

Ich befinde mich in Starre! Doch nicht aus Schock, sondern aus Kälte. Vermutlich eine Maßnahme der Busgesellschaft um die Passagiere ruhig zu stellen. Die Klimaanlage kühlt auf 18° , und ich sitze in meiner ersten Reihe direkt neben einen der Hauptventilatoren. Völlig erfroren, aber doch lebend und heiter, komme ich in der Chapada Diamantina nach einem zwölfstündigen und erlebnisreichen Reisetag an.

In dem Moment wo wir aussteigen, öffnet der Himmel wieder seine Schleusen um uns nicht vergessen zu lassen — Regenzeit. Ich beschließe mir einen dieser Taxifahrer zu leisten, die am Busbahnhof ihre Dienstleistung feilbieten. Sie tragen T-Shirts mit „Taxi Lençoóis“ aufgedruckt. Diese PR Maßnahme ersetzt das Taximeter, das nicht existiert. Die Fahrt dauert ziemlich genau drei Minuten, der Fahrer verlangt 30 R$. Das entspricht ungefähr 5-6 Euro und ist damit das Dreifache von dem, was der angemessene Preis gewesen wäre. Ich gebe ihm lachend 25 R$, er ist damit zufrieden.