Tag 10 – Imbassaí

Es regnet! Es regnet und regnet. Ich bin froh darum, denn endlich verbringe einige Stunden in der Hängematte mit Lesen. Oder die Vögel beobachten. Es gibt so viel neues Gezwitscher für mich zu entdecken.

Regentechnisch ist der Tag trotzdem ungewöhnlich. Bislang regnete es oft kurz, doch heute gibt es nur kleine Regenpausen. Am späten Abend bricht der Himmel noch einmal richtig auf, und am nächsten Morgen wird der Strom und auch das Internet weg sein. Ich werde meine Schlussrechnung nicht zahlen können, aber davon ahne ich noch nichts.

In der Nacht von Montag auf Dienstag donnerte ein starkes Gewitter. So stark, dass die Einheimischen am frühen morgen noch aufgeregt darüber reden. Rolf erklärt mir, wie ungewöhnlich die Wetterlage ist. Das ist nicht normal.

Immer wenn es regnet, wird es in meiner Hütte nass. Optisch könnte man denken, kein Wunder, es ist nur ein Strohdach, aber ganz so spartanisch ist meine Pousada nicht. In meiner Hütte ist von innen eine Holzdecke eingezogen, dort sind Deckenleuchter eingebaut. Trotzdem bildeten sich zwei große Pfützen, einer in dem Schlafraum, eine anderen im Badezimmer. Ich hoffe, die Verkabelung ist dem Wetter angemessen. Sicher bin ich mir nicht denn auch in meiner Dusche schauen zwei Kabel aus der Wand, die mir komisch vorkommen. Gefährliches Brasilien hatte ich mir anders vorgestellt.

Die kleine Anlage, die Rolf (Foto hier oben) betreibt, ist sehr familiär. Essen kann ich hier auch, vorausgesetzt ich bin schnell genug mit meiner Vorbestellung. Dieser Service ist ausschließlich für Gäste und limitiert. Es gibt nur eine Köchin, die die Bestellungen der Reihe nach ab arbeitet. Ist man zu spät, gibt es keinen Slot mehr. Und ich will natürlich auch woanders essen.

Dennoch essen im Restaurant ist nicht entspannt. Schon eine simpel Bestellung fordert mich sprachlich. Trotz Tourismus können die meisten Brasilianer kein Englisch. Die Speisekarten sind fast immer nur auf Portugiesisch. Zwar finde ich im Vorfeld bei Google Maps Fotos von Speisekarten, aber dann heißt es die Angebote Stück für Stück zu übersetzen. Mit Hilfe von Claude, meiner bevorzugten KI, erfahre ich, was das für ein Gericht oder Getränk es ist, wenn es sich um Spezialitäten handelt. Ohne die beiden Tools wäre ich völlig verloren. Dieser Prozess ist mühselig, aber funktioniert. Es kostet nur sehr, sehr viel Zeit.

Nennt mich feige, dass ich nicht aufs Gradewohl bestelle. Aber nach meinem ekligen Kuhmagen, der auf dem Tisch kam als ich mit Stephan vor vielen Jahren in Afrika war, habe ich von der Methode Abstand genommen.

Die Sache mit der Sprache ist für mich am schwierigsten. Nicht spontan kommunizieren können, nicht einen kleinen Plausch mit den Angestellten über das Gewitter führen, oder mit einem Fahrer mich über Brasiliens Straßenverkehr austauschen zu können bedauere ich sehr. Da das fehlt mir. Die Sache mit der Sprache habe ich unterschätzt.

Noch schlimmer ist es, wenn ich mich verständlich machen kann, dann aber mit einem Redeschwall in Portugiesisch überschüttet werde. Mache ich dann große Augen, schüttele den Kopf und zucke lachend die Schulter, dann kommt eine Geste des resigniertem Abwinkens als Antwort und ich werde stehen gelassen. Um mein Anliegen wird sich trotzdem gekümmert.

Doch es gibt es auch schöne Überraschungen.

Auf dem Rückweg nach einem Abendessen komme ich an einem Haus vorbei, aus dessen Garten Musik klingt. Percussion, Gitarren und eine zarte Stimme. Neugierig wie ich bin, spähte ich durch den Zaun. Jemand entdeckte mich und winkt mir mit der Geste zu, ich solle reinkommen.  Ich zögerte.  Doch auch als ein weiterer heftig winkt, ziere ich mich nicht länger und trete ein. Der Besitzer Herman begrüßte mich und dann geht die Konversation auf Englisch weiter. Sie haben geschlossen, es ist eine private Party und ich bin willkommen. Und schon wird mir ein Bier in die Hand gedrückt. Ich lerne Pedro kennen, der einen Onkel in Deutschland hat. Er wäre schon oft Kassel gewesen. Das Gelächter ist groß als ich erklärte, dass ich in Kassel geboren bin. Was gibt es für merkwürdige Zufälle. Bahai, der Bundesstaat in den Ich bin, ist zweieinhalb mal so groß wie Deutschland. Und ich treffe auf jemanden, der Kassel kennt. Inzwischen entsteht eine kleine Bühne, ein spontanes Konzert wird gegeben und ich genieße den Abend.